Neue Horizonte
Die österreichische Schülerin Lea Ehrenhöfer tauschte für ein halbes Jahr ihr Kinder- und Klassenzimmer gegen das arbeitsreiche Leben an Bord eines Traditionsseglers. Judith Duller-Mayrhofer hat die 17-Jährige nach Erlebnissen und Erkenntnissen gefragt
Raus aus der Schule, rein ins Leben. Diesem Motto folgten jene Jugendlichen, die im Herbst 2019 auf der Pelican of London anheuerten und von Bordeaux aus in See stachen. Sechs Monate lang sollte ihnen der Dreimaster nicht nur schwimmendes Heim, sondern auch Schulschiff und segelndes Klassenzimmer sein. Denn an Bord folgt man einem Konzept, das von der Organisation Ocean College ersonnen wurde. Es sieht vor, dass die Teilnehmer einerseits eine umfassende nautische Ausbildung erhalten, gleichzeitig aber die so genannten Kernfächer in Kleingruppen und an Hand eines individuellen Lernplans so intensiv unterrichtet werden, dass die Jugendlichen nach Abschluss der Reise in ihren Klassenverband zurückkehren und das Schuljahr erfolgreich abschließen können. Zentrales Anliegen ist es, theoretische Inhalte mit praktischen Erfahrungen zu verknüpfen, das wissenschaftliche Unterfutter für diese Form des Lernens stammt von Reformpädagogen wie Kurt Hahn oder Heinrich Pestalozzi.
Das Ocean-College-Programm ist offen für Schülerinnen und Schüler ab 15 Jahren, die sich nicht in ihrer Schulabschlussphase, also nicht im Maturajahrgang befinden. Eine, die zu dieser Gruppe zählt und sich sofort angesprochen fühlte, war Lea Ehrenhöfer, die in Graz die freie Waldorfschule besucht. „Ich bin über eine Instagram-Werbung auf Ocean College gestoßen“, erzählt die 17-Jährige, die mit ihrer Familie gerne und oft am Meer segelt und daher über entsprechende Erfahrung verfügt. „Ich habe in Folge alles über dieses Projekt gelesen und danach gewusst, dass das genau das Richtige für mich ist.“ Lea Ehrenhöfer bewarb sich mit einem Motivationsschreiben, absolvierte ein Vorbereitungswochenende in Kiel – und checkte am 14. Oktober gemeinsam mit 31 anderen Mädels und Jungs auf der Pelican of London ein. Das Abenteuer, das zwei Atlantiküberquerungen inkludieren sollte, konnte beginnen.
Vielfältige Erfahrungen
Der Großteil der jungen Kollegenschaft kam aus Deutschland, weiters befanden sich die Stammbesatzung, eine Köchin, die Lehrerinnen und Lehrer sowie Mentoren genannte Betreuer an Bord. „Unsere erste Etappe hat über die stürmische Biskaya nach Vigo an der spanischen Atlantikküste geführt“, erinnert sich Lea Ehrenhöfer, „viele von uns kämpften mit der Seekrankheit, aber wir haben uns nach und nach an das Bordleben und die Bordsprache Englisch gewöhnt.“ Untergebracht waren die Teilnehmer in Kabinen mit vier oder sechs Kojen, manche davon mit eigenem Bad.
Auf dem Programm standen täglich vier Stunden Wache und vier Stunden Unterricht, wobei Letzterer aus einem allgemeinen Teil sowie individuelle Lernzeit bestand. „In der Wache haben wir alles über das Segeln und die Schiffsführung gelernt“, erzählt die Grazerin, „Steuern, Routenplanung, Navigation, Ausguck und so weiter.“ Aber auch die alltäglichen Verrichtungen wurden von den Schülerinnen und Schülern erledigt. „Alle zehn Tage war ich in der Küche eingeteilt, musste abwaschen und beim Kochen helfen“, so Ehrenhöfer. Ausgeklügelte Putzpläne sorgten für Sauberkeit an Bord, jeden Sonntag stand ein Großreinemachen auf der Pelican of London am Programm. „Nicht gerade unsere Lieblingsbeschäftigung“, gibt die 17-Jährige frei heraus zu, „aber wir haben das Beste daraus gemacht.“
Über die klassischen Unterrichtsfächer hinaus musste sich jeder Teilnehmer für einen von drei Themenbereichen entscheiden und sich damit besonders intensiv auseinandersetzen. Lea Ehrenhöfer wählte „Economics“: „Einen Monat lang hat uns ein Experte für nachhaltige Wirtschaft begleitet“, schildert sie, „wir haben viel Interessantes erfahren, aber auch viel diskutiert und uns Gedanken darüber gemacht, wohin sich die Wirtschaft entwickeln soll.“
Von Vigo ging es weiter nach Marokko, Teneriffa und auf die Kap Verden, danach über den Atlantik in die Karibik.