Schwer beschäftigt
Foils sind der neue heiße Scheiß im Segelsport, Ausbildung am Gerät bietet der Surf- und Katamaran-Pionier Heinz Stickl am Gardasee. Mike Lynn war zum Test geladen
Die Stimmen in meinem Kopf sagen mir, dass ich das Boot jetzt umdrehen soll. In den Stütz auf dem Karbonschwert. Check. Ein Bein kniet auf dem Karbonschwert. Check. Beide Hände ergreifen den Rahmen des Trampolins. Check.
Das Boot richtet sich auf. Ich mach das eh super, sagen die Stimmen. Und dass ich als nächstes mit einer Hand den Großbaum packen, mit der anderen die Großschot aus dem Wasser fangen, mit einer flüssigen Bewegung über das meterbreite Trampolin robben, auf dem etwas mehr als eine großzügige Handspanne breiten Rumpf niederknien, dabei die Großschot dichtnehmen, gleichzeitig den etwas überlangen Ausleger zwischen Großbaum und Segel ausfädeln und synchron mit Gefühl anluven soll. Nicht zum ersten Mal an diesem Vormittag frage ich mich, ob sich die Stimmen vielleicht am Ende einen Jux mit mir machen wollen.
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Stimmen im Kopf zu hören ist während eines Ausbildungsganges in Heinz Stickls Sportcamp völlig normal: Der Funkhelm, den man trägt, während man Sportgeräte der Preisklasse Hobie Tiger oder Foilermotte zu bändigen versucht, ist das wasserfeste, funktionssichere Ergebnis eines jahrzehntelangen Perfektionierungsprozesses, erzählt der Chef: „Wir könnten ohne Funk nicht unterrichten. Man braucht nicht zu schreien, kann ganz ruhig mit dem Schüler reden. Und die Ruhe überträgt sich. Außerdem: Speziell auf Foilerbooten muss der Schüler Kommandos in Sekundenbruchteilen umsetzen, sonst funktioniert nichts.“
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Ich weiß, ich weiß. Jetzt gerade bin ich zum Beispiel um Sekundenbruchteile zu langsam, dafür ein paar Grad zu viel abgefallen. Also nehme ich den nächsten tiefen Schluck aus dem 18 Grad warmen Gardasee. Willkommen zurück am Start. Ich soll jetzt das Boot umdrehen, sagen die Stimmen. Und dass alles gut wird. Ganz bestimmt.
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Die späten 70er sind im Rückblick ein bisserl schwer zu verstehen. Ästhetisch sowieso, aber auch mental. Völlig bizarr muten zum Beispiel die damals im guten Autozubehörhandel erhältlichen Windsurfbrett-Attrappen an, die man mit separat erhältlichen Spannriemen aufs Dach seines Einser-Golf schnallte. Denn spätestens ab Sommer 1976 war man nur mehr ein Mensch, wenn man Windsurfer war, und ein beträchtliches Maß an Mitschuld daran trägt Heiz Stickl.
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Alles wird gut. Ich bin technisch korrekt und deshalb kräfteschonend am Trampolinrahmen gehangen, bis sich der Mast aus dem Wasser hob. Ich bin wie ein Wiesel über das Trampolin gerobbt, habe den Großbaum mit der linken Faust gepackt, die Großschot mit der Rechten, und in der Tat – die Motte setzt sich in Bewegung.